„Ich musste ganz von vorne anfangen.“

Georg S. kann nach Querschnittlähmung wieder laufen

Der 6. Dezember 2016 war ein ganz normaler Arbeitstag für Georg S.. Der Maler und Lackierer arbeitete gerade in drei Metern Höhe, als er von der Leiter fiel. Er stürzte zu Boden. Die Leiter traf ihn am Kopf. Der Iserlohner erlitt ein offenes Schädelhirntrauma, brach sich einen Lendenwirbel. „Es ging gar nichts mehr“, sagt Georg S.. „Ich musste ganz von vorne anfangen.“ Im Ambulanticum fand er die richtige Therapie: Heute kann Georg S. wieder laufen. Doch bis dahin war es ein langer Weg.

Ein Rettungshubschrauber brachte Georg S. ins Krankenhaus, wo er ins künstliche Koma versetzt wurde. Die Diagnose lautete: inkomplette Querschnittslähmung. Die Prognose ließ offen, ob der heute 52-Jährige jemals wieder laufen können wird. Eine lange Reha- und Therapiegeschichte begann. Wochenlange Krankenhausaufenthalte, langes Warten auf einen Betreuungsplatz. Denn zurück ins eigene Zuhause konnte Georg S. erst einmal nicht. Er brauchte Hilfe – rund um die Uhr.

Motiviert statt deprimiert

Helfen sollten auch die Medikamente, die er bekam. „Und das waren sehr viele“, erinnert sich seine Lebensgefährtin. Die Tabletten blieben nicht ohne Nebenwirkungen. Georg S. nahm 30 Kilo zu, konnte sich nicht konzentrieren, entwickelte einen Tremor, zitterte ständig. Als er im November 2018 zum ersten Mal im Ambulanticum war, war ihm alles zuviel. „Die Therapeuten haben mit Engelszungen auf mich eingeredet“, sagt Georg Seelbach heute. „Aber es fehlte an der Konzentration, ich war deprimiert, wenig motiviert.“ Nach nur vier Tagen brach er die erste Therapiephase ab.

In Absprache mit seinem Neurologen entschieden Georg S. und seine Lebensgefährtin die Medikamente neu zu dosieren – indem sie sie reduzieren. Im April 2019 wurde ein Anti-Epilektikum langsam ausgeschlichen. „Das war die richtige Entscheidung“, weiß Georg S. heute. Er konnte sich wieder konzentrieren, war motiviert nicht deprimiert, verlor Gewicht und konnte sein Ziel verfolgen: endlich wieder zu laufen.

Ein großes Stück Selbstständigkeit

Zwölf Mal ist er seitdem zur Intensivtherapie im Ambulanticum gewesen. Im Sommer 2019 schaffte er zum ersten Mal 200 Meter auf dem C-Mill, etwas später stieg er Treppenstufen hoch. Erst lief er am Unterarmgehwagen, dann lernte er, mit Nordic Walking Stöcken zu gehen und mit Rollator voranzukommen. Er arbeitete mit seinem Therapeut:innen an seiner Rumpfstabilität, übte Gewichtsverlagerung, absolvierte Neuroathletik-Übungen und trainierte seine Feinmotorik. Während des ersten Corona-Lockdowns war er drei Monate lang zu Hause. Die Werkstatt, in der er arbeitet, war geschlossen. Also trainierte er unterstützt von seiner Lebensgefährtin viel mit dem Rollator. Mit Erfolg: Zu seiner Therapiephase im Juni 2020 betrat er das Ambulanticum zum ersten Mal nicht im Rollstuhl, sondern mit Rollator.

Seit seinem ersten Aufenthalt im Ambulanticum hat sich viel getan: Sein Gleichgewicht ist stabiler geworden, Übungen im Space Curl kann Georg S. besser umsetzen. „Ich habe mir ein großes Stück Selbstständigkeit erarbeitet“, sagt Georg S., der seit Ende 2021 auch wieder zu Hause wohnt.  Das Eigenheim wurde während seiner Krankenhausaufenthalte umgebaut und durch die Therapien und Übungen im Ambulanticum kann der 52-Jährige sich alleine anziehen, Hände waschen, Geschirr aus den Schränken holen und stehen. „Die Zeit im Ambulanticum hat mich ordentlich nach vorne gebracht. Allein frei stehen zu können, war für mich ein enorm wichtiger Schritt“, sagt Georg S.. „Und ich arbeite weiter. Ich mache immer noch Fortschritte, auch wenn sie kleiner sind.“

Wiedersehen mit Patienten, Partnern und Wegbegleitern

Ambulanticum feiert großes Sommerfest zum Zehnjährigen

Herdecke. Gemeinsam mit rund 250 Gästen feierte das Therapiezentrum sein 10-jähriges Bestehen – und ein Wiedersehen mit Patienten, Partnern, Wegbegleitern und Unterstützern. „Zehn Jahre Ambulanticum sind einfach der perfekte Anlass, um sich wieder persönlich zu sehen und austauschen zu können, “ freut sich Marion Schrimpf, Geschäftsführerin des Ambulanticum.

Gemeinsam mit Gründer und Geschäftsführer Dr. Bernhard Krahl hatte sie zum Sommerfest im Zweibrücker Hof in Herdecke geladen, bei dem auch Bürgermeisterin Dr. Katja Strauss-Köster zu Gast war. Sie bedankte sich bei den Geschäftsführern für ihr Engagement, mit dem sie ein weiteres Aushängeschild für die Gesundheitsstadt Herdecke geschaffen hätten.

Bis in den späten Nachmittag erfüllten dann Live-Musik und angeregtes Stimmengewirr den Biergarten, freuten sich Gäste über das Wiedersehen, hielten Begegnungen in der Fotobox fest, ließen weiß-blaue Luftballons mit guten Wünschen in den Himmel steigen und sich die Gerichte vom Buffet schmecken. Bei vielen Gästen sorgte zudem Magier Wolfgang mit seinem Zauberprogramm für staunende und strahlende Gesichter.  Grund zur Freude hatte auch Bernhard Hedwig aus Wetter: Bei der großen Sommerfest-Tombola gewann er den Hauptpreis: eine Intensivtherapie im Ambulanticum. Der Erlös aus dem Losverkauf wurde für einen guten Zweck gespendet: Der Deutschen Hirnstiftung kommen so  3.285 Euro  zugute.

Für alle, die wollten, wurde es sportlich: Am Ufer der Ruhr waren besondere SUP-Boards im Dauereinsatz. Mit einer Länge von fünf Metern und zwei Metern Breite können sie bis zu zehn Personen gleichzeitig tragen – oder auch vier Rollstuhlfahrer und vier weitere Paddler. Eine seltene Gelegenheit, die viele Patienten und ihre Angehörigen nutzten. So wie auch der Tombola-Gewinner Berhard Hedwig, der zum ersten Mal mit seinem Rollstuhl auf einem SUP-Board war und ganz begeistert zurückkam: „Das Foto davon hänge ich mir auf“, sagt er und lächelt. „Damit ich mich immer wieder an dieses gute Gefühl erinnern kann.“ In Erinnerung wird das Sommerfest zum 10. Bestehen wohl so manchem Gast bleiben. „Es war wirklich sehr, sehr schön“, zieht Patientin Louisa Belli ihr persönliches Fazit. „Aber das Ambulanticum ist eben auch was ganz Besonderes.“

„Nele ist eine Kämpferin.“

Mit Therapie und starkem Willen zu mehr Selbstständigkeit

Notkaiserschnitt. Zwei Operationen. Drei Monate Krankenhaus: Neles Start ins Leben war nicht leicht – und erst der Anfang einer langen Krankheitsgeschichte. Das kleine Mädchen war neurologisch auffällig. Konnte auch mit 1,5 Jahren nicht sitzen, nicht krabbeln. Eine Diagnose gab es nicht. Eine Prognose schon: Die Ärzte waren sicher, Nele würde nie laufen. Nie sprechen.  Heute ist Nele zwölf Jahre alt. Sie kann einige Schritte frei laufen. Sie erzählt. Kann etwas rechnen. Ein paar Wörter schreiben. All das hat Nele sich hart erkämpft. Mit ihrer Familie. Mit vielen Therapeuten. Und auch mit Unterstützung des Ambulanticum.

Kurzbesuch zum 10-Jährigen

Als Nele durch die Eingangstür des Therapiezentrums geht, strahlt sie. Hier kennt sie sich aus. Auch, wenn sie schon lange nicht mehr da war. Doch der Kurzbesuch zum 10. Geburtstag des Ambulanticum weckt viele Erinnerungen. An viele Wochen voll mit Trainingsstunden und Fortschritten, Rückschlägen und Hürden, Unterstützung, Motivation und Kampfgeist. „Nele ist einfach eine Kämpferin. Und ein Dickkopf“, Sandra Kohlof, Neles Mutter, lacht. „Sie hat sich nicht unterkriegen lassen.“

Intensivtherapie im Ambulanticum

2014 war Nele zum ersten Mal vor Ort. Eine Therapeutin hatte die neurologische Nachsorge der Herdecker Einrichtung empfohlen. „Sie war mit ihrem Latein am Ende“, blickt ihre Mutter zurück, die mit Nele bei vielen Therapeuten war. Erst arbeiteten sie mit der Therapie nach Bobath. Später nach Vojta. Das brachte Fortschritte. Aber krabbeln oder laufen konnte Nele mit  4 Jahren noch nicht . Im Ambulanticum bekam sie insgesamt drei Intensivtherapien mit Training am Lokomat, Ergotherapie, Logopädie, Physiotherapie und Hirnleistungstraining. „Das volle Programm“ erzählt Sandra Kohlof, die mit Nele auch zwischen den Therapiephasen zur Ergotherapie, Physiotherapie und Logopädie ins Ambulanticum fuhr. „Morgens war Nele dann im Ambulanticum, nachmittags im Kindergarten“, sagt die Mutter.

Die ersten Schritte ohne Hilfe

 Der Einsatz zahlt sich aus. Neles Sprachbild verbessert sich. Ihre Fein- und Grobmotorik auch. Sie fängt schnell an zu krabbeln, lernt an der Hand einige Schritte zu gehen. Heute läuft die Nele bis zu 25 Schritte allein. Bei ihrem Besuch im Ambulanticum geht sie ohne Hilfe zum Spacecurl, in dem sie auch als kleines Kind schon gerne trainiert hat. Als sie das Gerät noch einmal ausprobieren darf, hat Nele wieder Spaß. Sie lacht während Peter Meisterjahn, Therapeutischer Leiter im Ambulanticum, mit ihr trainiert – so wie früher.

 „Ohne das Ambulanticum wären wir nicht da, wo wir heute sind“, ist Sandra Kohlof überzeugt. „Nele hat sich viel Selbstständigkeit erarbeitet.“ Die Zwölfjährige geht gerne in die Schule, mag es, mit ihrem Therapiefahrrad unterwegs zu sein, spielt Keyboard. „All das wäre laut der frühen Prognosen nicht möglich gewesen“, sagt ihre Mutter, während sie zu ihrer Tochter blickt und lächelt. „Da hat Nele allen das Gegenteil gezeigt.“

„Ich wollte immer sehen, wie weit ich komme.“

Querschnittpatient Robert Steinbeck arbeitet im Ambulanticum an seinem Gangbild

Robert Steinbeck war 20 Jahre alt, als ein schwerer Autounfall sein Leben von einer Sekunde auf die andere veränderte. Er saß auf dem Beifahrersitz, als das Auto erst in einen Graben und dann gegen einen Baum fuhr. Der damalige Kfz-Mechaniker erlitt einen Halswirbelbruch. Er wurde ins Krankenhaus geflogen. Operiert. Lag 3,5 Wochen im künstlichen Koma, erlitt zwei Herzstillstände. Doch er überlebte – aller Prognosen zum Trotz.  Als er wach wurde, war er vom Hals abwärts gelähmt. Die Aussicht: ein Leben im Rollstuhl. Heute spielt Robert Steinbeck Rollstuhl-Rugby – und kann wieder gehen.

Zeigen, dass es anders geht

„Das Rückenmark ist durch. Das haben die Ärzte mir gesagt, als ich wach geworden bin“, erinnert sich Robert Steinbeck an die Worte, die erst einmal alles auf den Kopf stellten. Erst einmal. Denn der junge Auszubildende kämpfte, gab nicht auf. „Ich habe mir immer wieder gesagt: Ich zeig´, dass es anders geht.“

Sieben Wochen nach dem Unfall konnte Robert Steinbeck einen Zeh bewegen. Minimal zwar, aber es war ein Anfang. „Die kleinen Schritte sind entscheidend“, weiß er heute. „Sie zusammen führen zum Ziel.“ Als er im Krankenhaus einen Traum hatte, in dem er seine Beine bewegen konnte, erzählte er es aber niemanden: „Mir wurde ja immer gesagt, dass Laufen nicht drin sein wird.“ Also setzte er sich ein anderes Ziel: eigenständig leben können. „Ich wollte mich selbst anziehen und allein hochkommen, wenn ich mal falle“, so der heute 42-. Diese Ziele hat Robert Steinbeck längst erreicht. Und noch mehr. Nach 3,5 Monaten in Therapie war er das erste Mal auf einem Laufband. „Da bin ich die ersten 100 Meter gelaufen. In 12 Minuten und 31 Sekunden“, weiß er noch heute.

Therapiemüde

Nach sechs Monaten wurde er aus dem Krankenhaus entlassen. Zwei Jahre nach dem Unfall hatte er die erste Reha.  „Dort habe ich angefangen, frei zu laufen. Ich bin oft hingefallen. Aber das war mir egal. Ich wollte sehen, wie weit ich komme.“ Einen eigenen Rollstuhl besaß er nie. Er wollte ohne vorankommen. 2007 machte er eine zweite Reha, dazwischen folgten viele Einzeltherapien. Dann lange Zeit nichts mehr. „Irgendwann war ich therapiemüde“, sagt Robert Steinbeck rückblickend. Er machte fast sieben Jahre eine Therapiepause. Konzentrierte sich auf sein Berufsleben. Machte eine Umschulung. Ging eine zeitlang zur Abendschule. Und fand einen Teilzeitjob an der Uni Hamburg. Dort arbeitet er heute als Teamassistenz am Lehrstuhl für Physik. Die Wege zwischen den Gebäuden, zu Büros und Hörsälen legt er nicht im Rollstuhl zurück – er läuft mit Gehhilfen.

Ganganalyse im Ambulanticum

„Dabei lag mein Fokus lange nicht auf dem idealen Gangbild“, gibt er unumwunden zu. Und das macht sich bemerkbar. „Ich habe mir eine Technik angewöhnt, die mich zwar vorwärts-, aber meine Gesundheit nicht weiterbringt“, sagt Robert Steinbeck. Wenn er läuft, ist sein Bein durchgestreckt, er schwingt vorwärts, nimmt seinen ganzen Oberkörper mit. Irgendwann machte der Rücken Probleme. Die Schmerzen waren so stark, dass der 42-Jährige nur noch krabbeln konnte. „So bin ich auf und ins Ambulanticum gekommen“, schildert er. Und dort wurde „Tacheles geredet“, wie er selbst sagt. Videoaufnahmen, Ganganalysen und das Feedback der Therapeut*innen zeigen dem Patienten: Die Technik, die er entwickelte, hat mit Gehen nicht viel zu tun und schadet dem Rücken und den Knien. Im Ambulanticum trainiert Robert Steinbeck seitdem an einem besseren Gangbild. Lieber langsam und richtig gehen, ist jetzt die Devise. Die Therapie sei intensiv, aber „phänomenal“, so Steinbeck. „Das habe ich zuvor noch nie erlebt. Auch in meinem Umfeld nicht. Hier wird individuell auf jeden eingegangen und alles greift ineinander. Das ist fantastisch.“

Hobby: Rollstuhlrugby

In einen Rollstuhl steigt der frühere Fußballer meist nur in seiner Freizeit. Robert Steinbeck  spielt seit 2011 Rollstuhlrugby, seit 2015 ist er Abteilungsleiter beim Rollstuhlrugby-Team des Alstersport e.V.. Einmal in der Woche wird trainiert, in der Regionalliga tritt die Mannschaft gegen andere Teams aus dem Norden an. „Da geht es dann schon richtig zur Sache“, erzählt der begeisterte Hobby-Sportler. „Es ist ein bisschen wie Autoscooter-Schach. Sehr taktisch, aber auch mit Vollspeed. Und viel Spaß.“ Robert Steinbeck lächelt: „Das Miteinander, die Teamzugehörigkeit ist wichtig und hat einen unglaublichen Mehrwert. „Das hätte ich schon viel früher machen sollen“, sagt er und zuckt kurz mit den Schultern. Zurückschauen ist nicht wirklich sein Ding. Wichtiger ist ihm nach vorne zu blicken. „Auch 20 Jahre nach meinem Unfall kann ich noch mehr rausholen. Nach all der Zeit kann ich jetzt zum Beispiel wieder 10 Sekunden auf meinem rechten Bein stehen.  Ich habe gelernt: Es geht immer etwas!“

 

Von Anfang an dabei: 10 Jahre Mitarbeiterin im Ambulanticum

Silke Biesemann und Anna Heun gehören seit 2012 zum Team

Ein Team aus 34 Mitarbeitenden, mehr als 200 Patient:innen pro Jahr, moderne Therapiegeräte,  internationale Kooperationen und zahlreiche Erfolgsgeschichten: Seit der Gründung des Ambulanticum im März 2012 ist viel passiert: Vom Exoten im etablierten Gesundheitssystem hat sich die ambulante Einrichtung zu einem Therapiezentrum entwickelt, das in der patientenorientierten Nachsorge neue Maßstäbe setzt. Eine Entwicklung, die Silke Biesemann und Anna Heun miterlebt und auch mitgeprägt haben. Die beiden Ambulanticum-Mitarbeiterinnen sind von Anfang an dabei und seit zehn Jahren Therapeutinnen in Herdecke.

„Das Ambulanticum hat damals etwas ganz Neues in der neurologischen Therapie angeboten. Das fand´ ich spannend“, blickt Silke Biesemann zurück. Seit dem 1. Februar 2012 gehört die Ergotherapeutin zum Ambulanticum-Team. Sie hat die Anfangszeit hautnah mitgemacht. Hat erlebt, wie Therapieabläufe gemeinsam entwickelt und das Team ganz bewusst interdisziplinär aufgebaut wurde. „Jeder kam aus einer anderen Richtung. Physiotherapeuten, Sportwissenschaftler, Ergotherapeuten arbeiteten zusammen – das war für mich neu. Und sehr interessant“, so die 53-Jährige.

Kein Schema F

Eine weitere Fachdisziplin kam kurze Zeit später mit Sprachtherapeutin Anna Heun dazu. Im Mai 2012 hat sie das Team ergänzt, das zu der Zeit noch weniger als zehn Mitarbeitende zählte. „Mich hat von Anfang an überzeugt, dass im Ambulanticum die Patient:innen im Mittelpunkt stehen. Es zählt, was ihnen guttut. Und dafür schauen wir immer wieder über den Tellerrand“, erklärt Anna Heun, warum sie bis heute gerne im Ambulanticum arbeitet.  Nicht nach Schema F vorzugehen, ist ihr und dem gesamten Team wichtig. „Ich konnte von Anfang an eigene Ideen einbringen, mich selbst ausprobieren, Neues einbringen. Dafür gab es Verständnis und vor allem Unterstützung“, so die gebürtige Herdeckerin, die ihren Job auch nach zehn Jahren sehr mag. „Ich gehe einfach gerne zur Arbeit ins Ambulanticum. Ich kann sehr individuell arbeiten und das Team ist einfach toll.“

Kleine Schritte – große Wirkung

Gemeinsam mit Silke Biesemann und dem gesamten Team hat sie seit der Gründung viele Menschen auf ihrem Weg zurück in ein möglichst selbstbestimmtes Leben begleitet und unterstützt. Einzelne Erfolgsgeschichten möchten beide da gar nicht hervorheben. „Es gibt so viele Beispiele. Und manchmal sind es die kleinen Schritte, die für die einzelnen eine große Wirkung haben“, sind sie sich einig. Schließlich kommen viele Patientinnen und Patienten mit schweren Krankheitsbildern. Sie sitzen nach Unfällen im Rollstuhl, können nach Schlaganfällen nicht mehr sprechen und laufen oder haben mit den Folgen eines Schädelhirntraumas zu kämpfen. Der Weg zurück ins Leben ist da sehr mühsam – und auch mal von Rückschlägen geprägt. „Da ist es dann wichtig, Mut zuzusprechen, Geduld zu haben und nicht aufzugeben“, so Anna Heun.

Patient:innen aus aller Welt

Auch nach zehn Jahren entwickelt sich das Therapiekonzept im Ambulanticum immer weiter. „Das ist ein kontinuierlicher Prozess. Der Stand, auf dem wir jetzt sind, ist ja über all die Jahre gewachsen“, so Silke Biesemann. Therapiegeräte haben sich weiterentwickelt, neue Kooperationen sind entstanden, neue Kollegen und Kolleginnen hinzugekommen – und Patienten aus aller Welt. Menschen aus ganz Deutschland, aber auch aus den Niederlanden, aus Russland oder Jordanien kommen nach Herdecke, um sich im Ambulanticum behandeln zu lassen. Selbst wenn die Corona-Pandemie die Arbeit in den vergangenen zwei Jahren erschwert hat: Es ging immer weiter. Und das soll es auch die nächsten zehn Jahre und darüber hinaus: „Was mit dem Ambulanticum entstanden ist, ist wirklich einmalig“, finden auch die beiden Mitarbeiterinnen, die zusammen mit dem Therapiezentrum ihr Zehnjähriges feiern.

 

„Ich möchte zeigen, wie wichtig es ist, an sich zu glauben.“

Im Gespräch mit Dr. Krahl über seine Autobiographie „Schlagseite“

Die Entwicklung des Herdecker Therapiezentrums „Ambulanticum“ ist eng mit der Lebensgeschichte des Gründers verknüpft: In dem Buch „Schlagseite“ hat Dr. Bernhard Krahl seine Geschichte niedergeschrieben. Im Interview zu seiner Autobiographie erzählt der Zahnarzt und Ambulanticum-Geschäftsführer, wie er zum Autor wurde, welche Lebensstationen in seinem Buch nicht fehlen durften und was das Ambulanticum ihm bedeutet.

Wie ist die Idee entstanden, das eigene Leben als Buch niederzuschreiben?

Ideengeber waren Patienten, Bekannte und Freunde. Mit ihnen habe ich immer wieder gesprochen: über meinen Schlaganfall, meinen Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben, über das Ambulanticum. Ich habe ihnen von meinem Leben erzählt – aber immer ein wenig anders. Es waren andere Einblicke und Ausschnitte. Und irgendwann habe ich mir gedacht: Ich erzähle jetzt einfach mal alles. So reifte die Idee, meine Geschichte quasi in eine Endform zu gießen und zu verschriftlichen.

Wie lange haben Sie an dem Buch gearbeitet?

Von der ersten Idee bis zu dem Moment, in dem ich den roten Knopf zum Andruck drücken konnte, vergingen gut zwei Jahre.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Erinnerungen und Lebensstationen ausgewählt, die den Weg in ihr Buch gefunden haben?

Ich bin in erster Linie chronologisch vorgegangen. Und natürlich waren die einschneidenden Begebenheiten meines Lebens „gesetzt“ – ob privat, gesundheitlich oder beruflich. Aber mir war es auch wichtig, kleine, zum Teil auch heitere Episoden hinzuzufügen, die – wie ich finde – meinen Charakter und meine Einstellung zum Leben authentisch transportieren.

Was war Ihnen bei der Erzählung Ihrer Lebensgeschichte besonders wichtig?

Es war mir wichtig, den Aufbau und die Entwicklung unserer einmaligen Therapieeinrichtung in meinem Buch aufzuzeigen. Das Ambulanticum ist aus meinem Leben nicht wegzudenken. Es hat mir selbst immer auch Kraft und Selbstvertrauen gegeben. Darum ist es ein elementarer Bestandteil meiner Autobiographie geworden.

Was möchten Sie bei den Leserinnen und Lesern Ihres Buches erreichen?

Ich möchte meine Leserinnen und Leser ermuntern, nie aufzugeben. Viele befinden sich vielleicht in ähnlichen Lebenssituationen. Oder stehen jemandem nahe, der mit einem Schicksalsschlag zu kämpfen hat und neu anfangen muss. Ich möchte diesen Menschen ein Beispiel geben und zeigen, wie wichtig es ist, an sich und seine eigene Zukunft zu glauben.

Hat sich der Blick auf Ihr Leben durch die Arbeit an der Autobiographie noch einmal verändert?

Der Schreibprozess war sicherlich auch ein Verarbeitungsprozess. Durch das Schreiben ist es mir gelungen, mit Lebensphasen abzuschließen, die ich noch nicht ganz „verdaut“ hatte. Dadurch ist der Rucksack meiner Lebensereignisse, den ich mit mir herumtrage, etwas leichter geworden. Dafür bin ich dankbar.

Durch die Arbeit an diesem Buch sind sie auf gewisse Weise noch einmal auf „Lebensreise“ gegangen. Wenn Sie heute auf Ihr Leben zurückblicken und es mit drei Worten beschreiben sollten: Welche wären das?

Zuversicht, Mut, Verlässlichkeit

Gibt es Textpassagen, die Ihnen besonders am Herzen liegen?

Ich lese das emotionale Kapitel „Abschied von Micki“ – meiner verstorbenen Frau – immer wieder gerne. Für mich ist es eine anrührende Erinnerung an das Ende einer Zweisamkeit in Würde.

Bleibt es bei diesem Buch oder bleiben Sie dem Schreiben treu?

Ich habe vor, weiterhin zu schreiben. Und dabei möchte ich auf zu neuen Ufern. Aktuell ist ein – thematisch ähnliches – Buch in Vorbereitung. In ihm möchte ich von den zauberhaften Erfolgen einiger unserer Patientinnen und Patienten erzählen. Eng verknüpft mit der Vorstellung und Erklärung zeitgemäßer robotikassistierter und gerätegestützter Therapiemaßnahmen. Es soll eine schriftliche Hilfestellung zum Verstehen komplexer Herausforderungen werden. Der Arbeitstitel steht schon:   Bewegende Erfolgsgeschichten,  Untertitel: Siehste – geht doch!

Weitere Informationen, Leseproben und das Bestellformular zum Buch gibt es unter diesem LINK.

„Ich wusste, ich werde wieder laufen.“

Rashide Serifi steht nach jahrelanger Therapie wieder auf eigenen Beinen

2012 sollte ein glückliches Jahr für Rashide Serifi werden: Die damals 21-Jährige war schwanger, freute sich gemeinsam mit ihrem Mann auf ihr erstes Kind. Doch die Geburt wurde für sie und ihre Familie zum lebensverändernden Wendepunkt: Eine Periduralanästhesie (PDA) mit einer verunreinigten Spritze löste eine katastrophale Kettenreaktion aus. Nach der Geburt ihres Sohnes bekam Rashide Serifi eine Hirnhautentzündung, Bakterien durchsetzten ihre Wirbelsäule mit Eiterherden. Durch mehrere Operation im Bereich der Wirbelsäule wurde das Rückenmark schwer geschädigt. Die junge Mutter war von einem Augenblick auf den anderen inkomplett querschnittgelähmt. Ihre Prognose: ein Leben im Rollstuhl.

Langer Leidensweg

Die Diagnose war ein Schock und der Beginn eines langen Leidensweges: Nach der Geburt lag Rashide Serifi zunächst vier Wochen auf der neurologischen Station. Ihr Zustand verschlechterte sich zunehmend. Kein Antibiotikum schlug an. Eine Not-OP wurde nötig. Sie wurde in die Uni-Klinik verlegt, ihr Leben hing an einem seidenen Faden. Doch Rashide überstand die Operation. So wie sechs weitere, die folgten. Sie war lange Zeit in Kliniken. Ihren kleinen Sohn sah sie so gut wie gar nicht. „Das war besonders schlimm“, erklärt die heute 30-Jährige, die sich nach den langen Klinikaufenthalten in einer Reha „an den Rollstuhl gewöhnen sollte“.  Ein Ziel, das für Rashide Serifi gar kein Ziel war. Sie wollte mehr. Sie wollte wieder laufen können. Für sich. Für ihren Sohn. Für ihre Familie. „Ein Leben im Rollstuhl war für mich keine Option“, sagt sie heute. „Ich wusste, wie schwer, lang und mühsam der Weg werden würde. Aber einen anderen gab es für mich nicht.“

Kleine Fortschritte für große Erfolge

Sie setzt alles daran, den Rollstuhl hinter sich zu lassen, wieder auf eigenen Beinen zu stehen und zu gehen. Mit unbändigem Willen und der Unterstützung ihrer Familie kämpft sie sich durch vier Jahre Rollstuhl und drei Jahre Therapie, die sie im Ambulanticum absolviert. Das Therapiezentrum in Herdecke war ein Glücksfall: „Nach negativen Erfahrungen in der Reha ging man endlich auf mich und meine Bedürfnisse ein“, sagt Rashide Serifi. „Das Ambulanticum bot genau das, was ich mir an Therapie vorgestellt habe.“ Im Mai 2013 kam sie zum ersten Mal ins Ambulanticum. Im Rollstuhl und mit schwacher Rumpfstabilität, aber mit einem großen Traum und hoher Einsatzbereitschaft. „Ich habe 100 Prozent gegeben – und bin manchmal nur 0,01 Prozent weitergekommen“, erzählt die Leverkuserin „Das war hart. Aber ich habe gelernt, dass auch kleine Fortschritte Erfolge sind und letztendlich zu großen Fortschritten werden.“

Zurück im Leben

Mit einem individuell auf sie abgestimmten Therapiekonzept trainierte Rashide Serifi ihre Muskulatur und ihr Gleichgewicht. Sie arbeitete im Spacecurl an ihrer Rumpfstabilität, übte mit verschiedenen Hilfsmitteln das Stehen. Am Lokomaten – einem Gangtrainer – ging sie unzählige Schritte. Immer und immer wieder.  Es folgten Trainingseinheiten auf dem Laufband, später die ersten freien Steh- und Gehversuche. Die Therapie brachte sie an ihre körperliche Leistungsgrenze. Es gab Tage, da fehlte die Kraft. „Natürlich waren da Momente, in denen ich nicht mehr wollte. Und nicht mehr konnte“, blickt Rashide Serifi zurück. „Aber das Team war immer für mich da und hat mich motiviert – auch wenn ich es ihnen sicher nicht immer leicht gemacht habe.“ Sie lächelt. Und sie strahlt, wenn sie von dem Leben erzählt, das sie heute führen kann: Zehn Jahre nach der Querschnittlähmung hat sie ihr Ziel erreicht – und noch viel mehr. Sie kann laufen, Autofahren, Sport machen. Und Rashide Serifi ist zum zweiten Mal Mutter geworden. Iljas ist heute drei Jahre alt und macht das Glück von Rashide Serifi, Ehemann Kenan und Bruder Mikail komplett. „Es war ein langer Weg“, sagt sie. „Aber für mich war immer klar: Ich werde wieder laufen.“

„Wir haben bewiesen, dass unser patientenorientierter Therapieansatz funktioniert.“

10 Jahre Ambulanticum: Im Gespräch mit Marion Schrimpf und Dr. Bernhard Krahl

2007 erlitt Dr. Bernhard Krahl zwei schwere Schlaganfälle, die er nur knapp überlebte. Der Zahnarzt und Inhaber eines Dental-Spezialartikel Unternehmens kämpfte sich entgegen allen Prognosen zurück ins Leben. 2012 gründete der heute 74-Jährige gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Marion Schrimpf das Ambulanticum, ein interdisziplinäres Therapiezentrum für Kinder und Erwachsene mit Erkrankungen des zentralen Nervensystems. Menschen, die nach Schlaganfällen, Querschnittlähmungen, Schädelhirntraumata, ICP und Diagnosen wie Multipler Sklerose oder Parkinson wieder auf die Beine kommen möchten. Seit zehn Jahren finden sie im Ambulanticum Unterstützung und Hoffnung. Wie die Gründer und Geschäftsührer der Herdecker Therapieeinrichtung diese Zeit erlebt haben, welche Herausforderungen sie meistern mussten und was sie sich für die Zukunft wünschen, erzählen Marion Schrimpf und Dr. Bernhard Krahl im Interview.

10 Jahre Ambulanticum: Wenn Sie darüber nachdenken, was kommt Ihnen als erstes in den Sinn?

Dr. Bernd Krahl:

Zuallererst sind es unglaublich viele Erfolgsgeschichten, an die ich denke.  Damit meine ich die Erfolge des Ambulanticum selbst. Es entspricht mit seinem Therapiekonzept nicht dem etablierten System, hat sich gegen viele Widrigkeiten durchgesetzt und neue therapeutische Maßstäbe definiert. Und natürlich denke ich auch an die Erfolge unserer Patient:innen.

Marion Schrimpf:

Wir sind stolz auf diese zehn Jahre. Stolz, dass wir bewiesen haben, dass der von uns gelebte patientenorientierte Ansatz funktioniert und dass Menschen, die als austherapiert abgestempelt werden, mit den richtigen Mitteln und Methoden großartige Fortschritte erreichen können. Sie erlangen Autonomie, Selbstbewusstsein und Handlungsfähigkeit wieder. Das motiviert uns, weiterzumachen. 10 Jahre Ambulanticum sind ein guter Anfang. Aber es gibt noch viel zu tun, damit eine effiziente und effektive Therapie wie wir sie im Ambulanticum vorleben, zur Regelversorgung wird.

Wie haben Sie die Anfänge des Ambulanticum erlebt?

Dr. Bernhard Krahl:

Es gab sehr viele Schwierigkeiten. Wir mussten uns von unseren Gründungspartnern trennen. Es gab quasi eine „Vollbremsung“ bei der Finanzierung, später dann waren alle finanziellen Ressourcen aufgebraucht und wir standen kurz vor der Insolvenz. Mit unserem privaten Vermögen sind wir dann volles Risiko gegangen. Wir haben weiter an das Projekt geglaubt – immer mit dem Ziel, unseren Patienten Hoffnung und eine neue Lebensperspektive zu geben.

Was waren auf dem Weg von den Anfängen bis zum 10. Geburtstag besondere Herausforderungen?

Marion Schrimpf:

Die bisher größte Herausforderung war die Anerkennung des Therapiekonzeptes in der Nachsorge durch die Kostenträger. Und diesen Kampf fechten wir bis heute aus. Wir kämpfen unentwegt dafür, das Konzept der Intensivtherapie im AMBULANTICUM® in die Regelversorgung zu bringen und diese Form der Therapie als eine eigene Säule neben der bestehenden medizinischen und pflegerischen Versorgung im Gesundheitssystem zu etablieren. Um das zu erreichen, haben wir ein interdisziplinäres Therapiekonzept erarbeitet, ein breites internationales Netzwerk aufgebaut und ein Team aus Therapeut:innen zusammengestellt, das unsere Vision mit uns trägt und vorantreibt.

Trotz aller Anfangsschwierigkeiten und Herausforderungen: Würden Sie diesen Schritt der Gründung noch einmal gehen?

Marion Schrimpf:

Ja, die Gründung des AMBULANTICUM® war ein notwendiger Schritt. Therapieeinrichtungen wie unsere werden dringend gebraucht.

Aber die letzten zehn Jahre haben auch gezeigt: So ein Projekt ist keines, das man nur aus Vernunftgründen angeht. Für so ein Projekt muss man brennen. Ansonsten überlebt man in unserem streng reglementierten Gesundheitssystem nicht – insbesondere, wenn man keine Wegbegleiter hat und alles – wie wir – selbst finanziert.

Wofür steht das Ambulanticum Ihrer Ansicht nach heute?

Marion Schrimpf:

Das Ambulanticum steht für ein einmaliges Konzept für Kinder und Erwachsene mit einer erworbenen Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS). Unsere Therapie stellt unsere Patient:innen in den Mittelpunkt. Wir vereinen alle therapeutischen Maßnahmen verschiedener Disziplinen individuell zum Wohle der Patient:innen und bringen sie in Einklang, um ein bestmögliches Ergebnis zu erzielen.

Dr. Bernhard Krahl:

Im AMBULANTICUM ermöglicht man den angeblich „austherapierten“ Patient:innen eine erfolgreiche individualisierte Intensivtherapie. Sogar nach vielen Jahren der Erkrankung machen sie noch Fortschritte und kommen ihrem Ziel wieder ein Stück näher. Darum steht das Ambulaticum für Hoffnung, die es den Menschen gibt, die als austherapiert gelten. Wir haben gezeigt, dass es sich lohnt, nach zeitgemäßen anderen Wegen zu suchen und nicht aufzugeben – und dass die Diagnose „austherapiert“ noch lange nicht das Ende ist.

Wie sehen Sie die Zukunft: Was möchten Sie mit dem und für das Ambulanticum und seine Patienten noch erreichen?

Dr. Bernhard Krahl:

Wir werden das Ambulanticum in eine Stiftung umwandeln. So ist die Unabhängigkeit und Entscheidungsfreiheit langfristig gewährleistet – auch nach unserem Ausscheiden. Wir möchten, dass dieses zielführende Trainingstherapiekonzept des Ambulanticum von allen Kostenträgern akzeptiert wird und alle Kinder und Erwachsene mit einer Erkrankung des ZNS in naher Zukunft davon profitieren können.

Marion Schrimpf:

Dafür muss allerdings ein Umdenken in Gesellschaft und Politik erreicht werden. Die bürokratischen Hürden für eine solche Therapie müssen abgebaut werden. Und vor allem dürfen solche Therapiemöglichkeiten nicht am Geld scheitern. Bei einem sowieso schon unfairen Kampf, in dem es darum geht, sich Dinge „zurückzuerobern“, die den meisten Menschen selbstverständlich erscheinen, sollten zumindest alle die gleichen Chancen haben. Und die Hoffnung, wieder ein selbstbestimmtes Leben führen zu können.

Von wegen für immer

Rainer Erb kämpft sich aus dem Rollstuhl – und hat ein Buch darüber geschrieben

Rainer Erb sitzt an seinem Computer und arbeitet, als seine Knie plötzlich schwach werden. Der 55-jährige Zimmermeister fällt vom Stuhl – und kann sich nicht mehr bewegen. Von jetzt auf gleich ist er querschnittsgelähmt. Die Ursache ist bis heute unbekannt. Die erste Prognose lautet: Rollstuhl für immer. Ein Schicksal, in das sich Rainer Erb nicht fügen möchte. Er kämpft dafür, wieder auf die Beine zu kommen. „Von wegen für immer“ ist sein Motto – und der Titel eines Buches, das seine Geschichte erzählt.

Im Labyrinth aus Therapien und Anträgen

Zwölf Tage Erstversorgung im Krankenhaus Fulda. Sieben Monate in einer Spezialklinik in Bad Wildungen. Dann drei Monate Reha mit Vojta- und Wassertherapie. Nach den ersten sechs Monaten gibt es kleine Fortschritte, Rainer Erb kann ein Bein leicht bewegen. Zurück zu Hause beginnt die Physiotherapie vor Ort – bis zu 20 Stunden in der Woche arbeitet Rainer Erb an seinem Ziel, wieder laufen zu können. 

„Momentan gibt es für mich Therapie, Essen, Schlafen und Trinken“, sagt der Fuldaer. Aber für ihn gibt es auch:  ein Labyrinth aus Therapiemöglichkeiten, Anträgen und Absagen. Auch hier kämpft Rainer Erb sich durch – und schreibt alles auf. Das, was ihm durch den Kopf geht. Das, was er aus den Therapien mitnimmt. Das, was er im Bürokratiedschungel erreicht. Die Aufzeichnungen helfen ihm, seine Situation zu verarbeiten. Sie stützen ihn, treiben ihn an und werden die Grundlage seines Buches, mit dem er vor allem eines erreichen möchte: anderen helfen, die in einer ähnlichen Situation sind. „Ich möchte zeigen, dass man die Dinge auch selbst in die Hand nehmen muss, um was zu erreichen“, betont Rainer Erb.

Ein Training, das fordert und fördert

Die Arbeit an seinem Buch führt ihn auch ins Ambulanticum: Seine Biographin, Dagmar Wagner, macht ihn auf die ambulante Therapieeinrichtung aufmerksam. Schon beim Blick auf die Website merkt er: Die machen genau das, was ich brauche. Ein intensives, individuelles Training, das fördert und fordert. „Dabei gehe ich an meine Leistungsgrenze. Ich lasse nicht locker“, erzählt Rainer Erb, der von dem Therapiekonzept und der Umsetzung überzeugt ist: „Die Therapeut:innen sind richtig gut geschult und die vielen Hilfsmittel und Trainingsgeräte gibt es woanders in dieser Form nicht.“

Frei laufen – bis zur Rente

Gemeinsam mit seinen Therapeut:innen arbeitet Rainer Erb zurzeit daran, frei zu stehen, am Rollator zu gehen sowie an seiner Motorik und der Kraftentwicklung. „Mittlerweile drücke ich 20 Kilo mehr als in der letzten Therapiephase“, sagt er nicht ohne Stolz. Auch die Stabilität im Rumpfbereich hat sich wesentlich verbessert: „Zu Beginn war ich nach zehn Minuten Spacecurl-Training klatschnass geschwitzt – jetzt geht es mir danach gut. Das kann ich dem Ambulanticum zuschreiben.“ Im März kommt er noch einmal für eine weitere Intensivtherapie zurück ins Ambulanticum – und seinem Ziel vielleicht wieder ein ganzes Stück näher: „Bis zu meiner Rente in sieben Jahren möchte ich frei laufen können“, sagt Rainer Erb, während er sich auf den Weg zur nächsten Therapieeinheit macht. „Und dann. Dann schreibe ich ein zweites Buch“, sagt er. Und lächelt.

Weitere Infos zum Buch gibt es hier.

Der Wille, helfen zu wollen

Assistenten im Alltag unterstützen bei Ambulanticum-Aufenthalt

Für Borislav Davidkov war es ein ganz normaler Arbeitstag. Der Architekt hatte eine Besprechung, stand vor vielen Menschen in einem Raum mit wenig Sauerstoff. Auf einmal brach er zusammen, schlug mit dem Kopf auf dem Tisch auf, wurde bewusstlos – und wachte in einer völlig neuen Lebenssituation wieder auf: Seit dem Unfall ist der 53-Jährige vom Hals abwärts gelähmt. Im Ambulanticum möchte er sich einen möglichst normalen, selbstständigen Alltag erarbeiten. Dabei bekommt er Unterstützung von den „Assistenten im Alltag“. Der Assistenzdienst aus Unna begleitet und betreut den Frankfurter während seiner Intensivtherapie – 24 Stunden lang, rund um die Uhr.

Aufstehen, vom Bett in den Rollstuhl kommen, waschen, essen. Bei all diesen Tätigkeiten braucht Borislav Davidkov Hilfe. Durch seinen inkompletten Querschnitt hat er eine schwache Rumpfstabilität. Lange Zeit konnte er nicht ohne Rückenlehne oder auf einem normalen Stuhl sitzen. Es fällt ihm schwer, das Gleichgewicht zu halten und seine Beine zu nutzen. Auch die Arme sind in den Bewegungen eingeschränkt, die Hände kann er nur leicht einsetzen. Die ambulante Therapie im Ambulanticum – die Wechsel zwischen den Therapieräumen, die Trink- und Essenspausen – wären ohne Assistenten für ihn nicht machbar. „Trotzdem ist eine Therapie bei uns möglich“, betont Marion Schrimpf, Geschäftsführerin der Herdecker Einrichtung.

Ängste nehmen. Vertrauen aufbauen.

Nach Sichtung aller Anträge, Untersuchungsergebnisse und Klinikunterlagen griff sie zum Telefon und schlug Borislav Davidkov für die Therapiephasen die Zusammenarbeit mit einem Assistenzdienst vor. Der nahm den Vorschlag an und Kontakt zu Mark Oberstadt, Gründer und Geschäftsführer der „Assistenten im Alltag“, auf. „Ich wusste nicht, was mich erwartet, war unsicher und hatte viele Fragen“, erinnert sich der Ambulanticum-Patient an das erste Telefonat. Doch die Sorgen wurden ihm schnell genommen. „Ich habe sofort den Eindruck bekommen: Das sind erfahrene Leute, die kennen sich aus. Die Zuversicht, die verbreitet wurde, hat auch meine letzten Zweifel beseitigt.“ Ängste nehmen. Vertrauen aufbauen. Zuhören. Das ist Mark Oberstadt und seinem Team sehr wichtig. „Wir verbringen ja viel Zeit mit unseren Kunden, unterstützen auch in Pflege- oder privaten Situationen. Da muss die Chemie stimmen – und das Vertrauen auch.“

Möglich machen, was möglich sein muss

Auf das erste Telefonat folgte ein Kennenlerntag, an den beide schmunzelnd zurückdenken: Als die Assistenten mit ihrem Transporfahrzeug – einem Caddy – vorfuhren, war dem 1,95 Meter großen Borislav Davidkov sofort klar: „Mit Elektrorollstuhl passe ich da nicht rein“. Und er sollte recht behalten. „Da hatte ich mich etwas verschätzt“, erzählt Mark Oberstadt und muss bei der Erinnerung lachen. Ein Hinderungsgrund für eine Zusammenarbeit war das aber nicht. Der Geschäftsführer des Unnaer Assistenzdienstes schaffte kurzerhand ein größeres Fahrzeug an: „Wir versuchen immer, möglich zu machen, was möglich sein muss.“

Enge Abstimmung: Ambulanticum und Assistenzdienst

Der Fahrdienst vom Appartment zum Ambulanticum ist allerdings nur eine von vielen Aufgaben, die das Assistenzteam übernimmt. Zwischen acht bis neun Assistent:innen,- darunter auch Pflegekräfte – kümmern sich im Wechsel, aufgeteilt in Tages- und Nachtschichten, um die 24-Stunden-Betreuung. Sie kaufen ein, kochen, helfen bei der Körperpflege, beim Umziehen, beim Transfer in den Rollstuhl und unterstützen während der Therapiezeiten, wann und wo es nötig ist.

Dabei arbeitet das Team eng mit dem Ambulanticum zusammen. So wurde zum Beispiel der Therapieablauf flexibel geregelt: „Da die Morgenroutine vom Weckerklingeln bis zur Abfahrt mit dem Transporter rund drei Stunden benötigt, fängt für Herrn Davidkov kein Therapietag vor 10 Uhr an“, erklärt Mark Oberstadt. „Die Zusammenarbeit mit dem Ambulanticum läuft sehr gut. Wir werden problemlos miteingebunden und das wirkt sich natürlich auch positiv auf die Betreuung aus.“ Für Borislav Davidkov hat die Kooperation zwischen Ambulanticum und Assistenzdienst die ambulante Therapie erst möglich gemacht – und geholfen auch Probleme und Unwägbarkeiten auf dem Weg zu meistern. „Es war und ist mir ganz wichtig, dass die Motivation und der Wille da sind, mir helfen zu wollen. Und beides war immer da.“

 

IM GESPRÄCH

„Im Ambulanticum merke ich, was machbar ist.“

Borislav Davidkov setzt sich in der Intensivtherapie immer neue Ziele

Lange Klinik- und Rehaaufenthalte, Ergo- und Physiotherapieeinheiten: Seit seiner unfallbedingten Querschnittlähmung vor zwei Jahren hat Borislav Davidkov schon einige Therapien und Anwendungen kennengelernt. Ein Jahr nach dem Unfall erkannte er Fortschritte in seiner körperlichen Entwicklung. In den heimischen Therapie-Einheiten gelangen Stehversuche und bald auch erste Gehversuche. Er suchte nach einer Therapie, die ihn noch intensiver unterstützt. Die Intensivtherapie im Ambulanticum ist für ihn ein neuer Ansatz: Seit August 2021 trainiert er in der Herdecker Einrichtung 5,5 Stunden täglich an fünf Tagen in der Woche. Im Interview spricht er über seine Therapie und seine Ziele.

Wie erleben Sie die Therapie im Ambulanticum?

Ich finde es hier super. Die Therapie bekommt mir wirklich gut. Das Training ist effektiv, aber auch sehr anstrengend. Darum finde ich es sinnvoll und richtig, dass auf die vierwöchigen Trainingsphasen auch immer wieder Auszeiten folgen. Jede Trainingsphase bringt mich einen Schritt vorwärts. Die Trainingseinheiten und die Abstimmung der Physio-Ergo-, Logopädie- und Sporttherapie koordinieren meine Paten ganz hervorragend gezielt und individuell. Ich laufe täglich. Manche Einheiten mit gerätetechnischer Unterstützung wie im Lokomat und immer wieder am Unterarm-Rollator. Meine Selbstständigkeit in dieser Therapie zun erleben, motiviert mich sehr.  

Welche Ziele möchten Sie mit dem Training erreichen?

Grundsätzlich möchte ich so viel Selbstständigkeit und Mobilität wie möglich zurückerlangen. Ich möchte mein Gleichgewicht halten, selbstständig aufstehen, am Rollator laufen können. Am Computer arbeiten und eigenständig essen. Diese Wünsche habe ich durch das Ambulanticum in Ziele formuliert. Und hier merke ich auch, dass es machbar ist, diese Ziele zu erreichen. Vielleicht nicht alle und nicht in schnellen Schritten – aber kontinuierlich.  

Was haben Sie durch das Training bisher erreicht?

Das Team vom Ambulanticum hat hervorragende Arbeit geleistet und mir zu vielen Fortschritten verholfen. Grundsätzlich sind alle Funktionen der Arme und Beine, die ich zu Beginn der Therapie hatte, viel stabiler und selbstverständlicher geworden. Ich kann mittlerweile viel besser sitzen. Meine gesamte Rumpfstabilität hat sich enorm verbessert. Dabei hilft mir das Aufstehtraining sehr. Auch bin ich viel mobiler als zuvor und sitze viel öfter im Aktivrollstuhl. Ich weiß jetzt, wie ich meine Arme einsetzen kann und muss, um mich darin sicher fortzubewegen. Nicht immer auf den E-Rollstuhl angewiesen zu sein – das ist ein weiteres Ziel von mir. Das setzt aber voraus, dass der Transfer vom Rollstuhl in ein normales Auto funktioniert. Und das ist jetzt noch nicht möglich –  aber eines meiner zukünftigen Ziele. 

Die Therapie

Die Intensivtherapien im Ambulanticum folgen einem bewährten Behandlungsablauf, der Patient:innen und Angehörige in die Planung und Zielsetzung der Therapie miteinbezieht. Auf diese Weise entstehen sehr individuelle Trainingspläne, die kontinuierlich an die Fortschritte angepasst werden. Die Therapieeinheiten von Borislav Davidkov waren in kleine Choreografien unterteilt: Die erarbeiteten Fähig- und Fertigkeiten konnten so schrittweise in den Alltag übertragen werden. Der Patient lernt, welche Abläufe er alleine meistern kann und wo noch Unterstützung notwendig ist. Da auch Angehörige mit diesen Choregrafien und Abläufen vertraut gemacht werden, wird der gemeinsame Alltag – der Übertrag von der Therapie- zur Heimphase zu Hause – erleichtert.

Weitere Informationen zur Therapie im Ambulanticum gibt es unter www.ambulanticum.de

 

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